Der Medienpsychologe Winterhoff-Spurk hat ein Buch über die Globalisierung geschrieben. Der Begriff wird bei ihm im negativen Sinn benutzt, was schon der mystische Untertitel „Wie die Globalisierung die Seele gefährdet“ zeigt. Der durchgängige Rückgriff auf die christliche Religion soll wohl seine These untermauern, dass der Neoliberalismus auch eine Religion ist.
Winterhoff-Spurk beginnt sein Buch mit einer Beschreibung der Zustände in den spanischen Niederlanden gleich nach der deutschen Reformation. „Was aber soll diese historische Einführung“, frägt er danach auf Seite 24. Und er beantwortet die Frage mit dem Gemeinplatz, dass ökonomische und soziale Umwälzungen auch schon in der Vergangenheit passierten. Die beschriebene ging gut aus, sagt er, allerdings war der Preis hoch. Es gab viel Leid und Blutvergießen. Er leitet daraus den Schluss ab, dass Veränderungen moderiert werden müssen. Was aber ist das Gegenstück zu seinem Beispiel? Eine unblutige Umwälzung, die negative Folgen hat? Das hatten wir doch zum Ende der DDR schon.
Das zweite Kapitel widmet er der Erklärung, wie es zur globalisierten Welt kommen konnte. Der Neoliberalismus steht am Pranger. Friedmans Schlüsselthesen werden sauber dargestellt. Vordenker wie Friedrich August von Hayek werden nicht erwähnt.
Als eine der Hauptursachen für die entgleisten Märkte macht Winterhoff-Spurk das Ende des Bretton-Woods-Systems der festen Währungskurse aus. Obwohl er richtigerweise feststellt, dass „die Geldeinlösegarantie von Bretton Woods nicht mehr zu halten [war]“ (Winterhoff-Spurk, 2008, S. 32), nennt er ein paar Absätze später Ideologie als alleinigen Grund für das Ende des Systems. Richtig ist natürlich, dass Friedman für die Ablösung der festen Wechselkurse geworben hat.
Sehr schön ist seine Erklärung des System des „shareholder value“. Richtigerweise sieht er die Schuld bei den Fonds, die die großen Aktiengesellschaften kontrollieren und ihnen ihre Bedingungen aufzwingen. Richtig ist auch, dass Pensionsfonds hier eine gewaltige Rolle spielen. Umso unverständlicher dann, warum Winterhoff-Spurk wenig später behauptet, nur eine kleine Oberschicht der USA wäre in Aktien investiert und somit Schuld an der ganzen Misere. Schließlich ist die Behauptung, der Neoliberalismus hätte die Kriminalitätsrate in den USA in schwindelerregende Höhen getrieben, gewagt, da er keine Belege hierfür anführt. Ganz davon abgesehen, dass man ein so komplexes gesellschaftliches Problem nicht monokausal begründen kann.
Seine Feststellung, dass viele Arbeitnehmer den Beruf zunehmend als Belastung empfinden und dass die Anzahl derer steigt, die „innerlich gekündigt“ haben, lässt sich belegen, aber ist das ein Problem der Globalisierung? Er klagt weiter über den Wechsel von unternehmergeführten Unternehmen zu managergeführten. Die Manager sieht er als eine elitäre Klasse, die kaum soziale Aufsteiger zulässt. Ein bürgerlicher Habitus und ein Doktortitel wären immer noch die beste Voraussetzung um in den Vorstand einer Kapitalgesellschaft zu gelangen. Dass es dazu auch summa-cum-laude Abschlüsse braucht, verschweigt er. Stattdessen vermutet er Narzissmus als Haupttriebkraft. Die angeführten Beweise reichen für eine solch allgemeine Behauptung nicht aus.
Im Kapitel über die Medien spielt er sein Wissen als Medienpsychologe aus. Globalisierung wird plötzlich mit der Mediengesellschaft gleichgesetzt. Er sieht hier eine Personalisierung und Emotionalisierung der Berichterstattung. Negative Meldungen würden überwiegen und es entstehe ein zunehmendes „knowledge gap“ zwischen den Gebildeten und dem Rest der Bevölkerung. Er warnt vor der medialen Klassengesellschaft.
Entwicklungspsychologisch sieht er die Gefahr von zunehmender Bindungsunsicherheit bei der heranwachsenden Generation, da diese nicht genug Zuneigung von ihren Eltern erfahre. Dabei tut er so, als ob Mary Ainsworths Thesen unbestritten wären.
Bei der politischen Elite sieht er auch Narzissmus als Triebkraft. Bedenklich stimmt ihn, dass Menschen mit histrionischem Sozialcharakter auf Demagogen hereinfallen könnten. Das war aber schon immer so – und begann nicht mit der Globalisierung.
Schließlich kramt er Max Webers These hervor, dass der Calvinismus den Boden bereitet hätte für den Kapitalismus. Das Wort „Kapitalismus“ benutzt Winterhoff-Spurk allerdings nicht. Dabei ist sein Buch über weite Teile eine Kapitalismuskritik und keine Auseinandersetzung mit der Globalisierung. Als Fazit sieht er allein gesellschaftliche Steuerung und Kontrolle als Mittel ein Armageddon zu verhindern.
Das Buch leitet an seinen unsauberen Begriffsdefinitionen. Globalisierung wird in den ersten Kapiteln mit Neoliberalismus gleichgesetzt. (Wobei Neoliberalismus ist selbst ja auch ein erklärungsbedürftiger Begriff. Wieviel hat der Monetarismus eigentlich mit Liberalismus zu tun? Friedman war Konservativer und Mitglied der Republikaner, Keynes hingegen war Mitglied der britischen Liberalen.) Im Folgenden meint er eigentlich den Kapitalismus, wenn er von Globalisierung spricht – und im Kapitel über die Medien wird Globalisierung mit der Mediengesellschaft gleichgesetzt. Legt man den Titel als Maßstab an, so muss man das Buch wohl mit „Thema verfehlt“ bewerten. Der Titel sollte eigentlich „Gewinnmaximierung – wie der Kapitalismus den Menschen beschädigt“ heißen.
Stattdessen wird im Untertitel von einer Seele geschwafelt – ein Begriff, den kein Wissenschaftler heutzutage in den Mund nehmen sollte. Genauso wenig gehören Bibelzitate in ein (populär-) wissenschaftliches Buch, sofern es nicht der Gattung Religionsgeschichte angehört.
Für die angesprochenen Probleme werden monokausale Gründe genannt. Die Analyse ist bestenfalls oberflächlich. Über weite Teile könnte das Buch auch von Oskar Lafontaine stammen.
Referenz:
Winterhoff-Spurk, P. (2008) Unternehmen Babylon – wie die Globalisierung die Seele gefährdet Stuttgart,Klett-Cotta