Winterhoff-Spurks Manifest

Januar 13, 2009

Der Medienpsychologe Winterhoff-Spurk hat ein Buch über die Globalisierung geschrieben. Der Begriff wird bei ihm im negativen Sinn benutzt, was schon der mystische Untertitel „Wie die Globalisierung die Seele gefährdet“ zeigt. Der durchgängige Rückgriff auf die christliche Religion soll wohl seine These untermauern, dass der Neoliberalismus auch eine Religion ist.

Winterhoff-Spurk beginnt sein Buch mit einer Beschreibung der Zustände in den spanischen Niederlanden gleich nach der deutschen Reformation. „Was aber soll diese historische Einführung“, frägt er danach auf Seite 24. Und er beantwortet die Frage mit dem Gemeinplatz, dass ökonomische und soziale Umwälzungen auch schon in der Vergangenheit passierten. Die beschriebene ging gut aus, sagt er, allerdings war der Preis hoch. Es gab viel Leid und Blutvergießen. Er leitet daraus den Schluss ab, dass Veränderungen moderiert werden müssen. Was aber ist das Gegenstück zu seinem Beispiel? Eine unblutige Umwälzung, die negative Folgen hat? Das hatten wir doch zum Ende der DDR schon.

Das zweite Kapitel widmet er der Erklärung, wie es zur globalisierten Welt kommen konnte. Der Neoliberalismus steht am Pranger. Friedmans Schlüsselthesen werden sauber dargestellt. Vordenker wie Friedrich August von Hayek werden nicht erwähnt.

Als eine der Hauptursachen für die entgleisten Märkte macht Winterhoff-Spurk das Ende des Bretton-Woods-Systems der festen Währungskurse aus. Obwohl er richtigerweise feststellt, dass „die Geldeinlösegarantie von Bretton Woods nicht mehr zu halten [war]“ (Winterhoff-Spurk, 2008, S. 32), nennt er ein paar Absätze später Ideologie als alleinigen Grund für das Ende des Systems. Richtig ist natürlich, dass Friedman für die Ablösung der festen Wechselkurse geworben hat.

Sehr schön ist seine Erklärung des System des „shareholder value“. Richtigerweise sieht er die Schuld bei den Fonds, die die großen Aktiengesellschaften kontrollieren und ihnen ihre Bedingungen aufzwingen. Richtig ist auch, dass Pensionsfonds hier eine gewaltige Rolle spielen. Umso unverständlicher dann, warum Winterhoff-Spurk wenig später behauptet, nur eine kleine Oberschicht der USA wäre in Aktien investiert und somit Schuld an der ganzen Misere. Schließlich ist die Behauptung, der Neoliberalismus hätte die Kriminalitätsrate in den USA in schwindelerregende Höhen getrieben, gewagt, da er keine Belege hierfür anführt. Ganz davon abgesehen, dass man ein so komplexes gesellschaftliches Problem nicht monokausal begründen kann.

Seine Feststellung, dass viele Arbeitnehmer den Beruf zunehmend als Belastung empfinden und dass die Anzahl derer steigt, die „innerlich gekündigt“ haben, lässt sich belegen, aber ist das ein Problem der Globalisierung? Er klagt weiter über den Wechsel von unternehmergeführten Unternehmen zu managergeführten. Die Manager sieht er als eine elitäre Klasse, die kaum soziale Aufsteiger zulässt. Ein bürgerlicher Habitus und ein Doktortitel wären immer noch die beste Voraussetzung um in den Vorstand einer Kapitalgesellschaft zu gelangen. Dass es dazu auch summa-cum-laude Abschlüsse braucht, verschweigt er. Stattdessen vermutet er Narzissmus als Haupttriebkraft. Die angeführten Beweise reichen für eine solch allgemeine Behauptung nicht aus.

Im Kapitel über die Medien spielt er sein Wissen als Medienpsychologe aus. Globalisierung wird plötzlich mit der Mediengesellschaft gleichgesetzt. Er sieht hier eine Personalisierung und Emotionalisierung der Berichterstattung. Negative Meldungen würden überwiegen und es entstehe ein zunehmendes „knowledge gap“ zwischen den Gebildeten und dem Rest der Bevölkerung. Er warnt vor der medialen Klassengesellschaft.

Entwicklungspsychologisch sieht er die Gefahr von zunehmender Bindungsunsicherheit bei der heranwachsenden Generation, da diese nicht genug Zuneigung von ihren Eltern erfahre. Dabei tut er so, als ob Mary Ainsworths Thesen unbestritten wären.

Bei der politischen Elite sieht er auch Narzissmus als Triebkraft. Bedenklich stimmt ihn, dass Menschen mit histrionischem Sozialcharakter auf Demagogen hereinfallen könnten. Das war aber schon immer so – und begann nicht mit der Globalisierung.

Schließlich kramt er Max Webers These hervor, dass der Calvinismus den Boden bereitet hätte für den Kapitalismus. Das Wort „Kapitalismus“ benutzt Winterhoff-Spurk allerdings nicht. Dabei ist sein Buch über weite Teile eine Kapitalismuskritik und keine Auseinandersetzung mit der Globalisierung. Als Fazit sieht er allein gesellschaftliche Steuerung und Kontrolle als Mittel ein Armageddon zu verhindern.

Das Buch leitet an seinen unsauberen Begriffsdefinitionen. Globalisierung wird in den ersten Kapiteln mit Neoliberalismus gleichgesetzt. (Wobei Neoliberalismus ist selbst ja auch ein erklärungsbedürftiger Begriff. Wieviel hat der Monetarismus eigentlich mit Liberalismus zu tun? Friedman war Konservativer und Mitglied der Republikaner, Keynes hingegen war Mitglied der britischen Liberalen.) Im Folgenden meint er eigentlich den Kapitalismus, wenn er von Globalisierung spricht – und im Kapitel über die Medien wird Globalisierung mit der Mediengesellschaft gleichgesetzt. Legt man den Titel als Maßstab an, so muss man das Buch wohl mit „Thema verfehlt“ bewerten. Der Titel sollte eigentlich „Gewinnmaximierung – wie der Kapitalismus den Menschen beschädigt“ heißen.

Stattdessen wird im Untertitel von einer Seele geschwafelt – ein Begriff, den kein Wissenschaftler heutzutage in den Mund nehmen sollte. Genauso wenig gehören Bibelzitate in ein (populär-) wissenschaftliches Buch, sofern es nicht der Gattung Religionsgeschichte angehört.

Für die angesprochenen Probleme werden monokausale Gründe genannt. Die Analyse ist bestenfalls oberflächlich. Über weite Teile könnte das Buch auch von Oskar Lafontaine stammen.

Referenz:

Winterhoff-Spurk, P. (2008) Unternehmen Babylon – wie die Globalisierung die Seele gefährdet Stuttgart,Klett-Cotta

Meine geliebte Maschine, Dich zu sehen…

Oktober 3, 2008

Wird uns der Fortschritt der Computer- und Netzwerktechnologie alle zu Künstlern machen? Bald wird das körperliche und spirituelle Eintauchen in virtuelle Welten möglich sein. Das wird eine gewaltigen Einfluß auf unser soziales Leben haben und es wird die Kunst beeinflußen, befruchten, aber es wird keine zusätzlichen Künstler hervorbringen. Die Mehrheit zieht es vor sich Berieseln zu lassen. Sie bleiben passiv, auch wenn sie Knöpfe am Interface drücken. Knopfdrücken ist keine Kunst.

Grau (2003) behauptet sogar, dass virtuelle Welten nichts Neues sind. Er schreibt: „[...] virtual reality forms part of the core of the relationship of humans to images. It is grounded in art traditions“ (Grau, 2003, p. 5). Er benennt antike Frescos und Panoramen aus dem 19. Jahrhundert als Beweise für seine These. Der Untertitel der englischen Ausgabe seines Buches (From Illusion to Immersion) ist deshalb auch etwas unglücklich gewählt, da er glaubt, dass selbst klassische Frescozeichner eine immersive Bildstrategie hatten (Grau, 2003, p.25).

Grau glaubt an eine Art religiöse Ekstase als Hauptgrund, warum Menschen in virtuelle Welten eintauchen wollen. „[...] to attain fulfillment, submerged in an ecstatic static together with others and the god, regression of consciousness, a journey of initiation into an infinite unity“, so beschreibt er die Szene, die auf dem Fresco von Pompeji zu sehen sei. Er glaubt, dass der (die) Künstler planten, den Betrachter hermetisch zu umhüllen (Grau, 2003, p. 27). Das Bild verzaubert den Betrachter. Er kann nicht innehalten und das Gesehene reflektieren. Er wird in das Bild hineingesogen. Ich glaube aber Menschen suchen keine göttliche Ekstase in virtuellen Welten. Ihre Gründe sind profaner. Sie suchen nach Spaß, Unterhaltung und neuen Eindrücken.

Andere teilen Graus Glauben, das das Eintauchen in virtuelle Welten nichts Neues ist.“Submersion inside image-worlds is as fundamental to human existence as eating and breathing (Burnett, 2004, p.11). Aber Burnett sieht den Betrachter nicht als reinen Konsument. Er glaubt, dass zu Sehen, zu Erschaffen bedeutet. Für ihn ist der passive Betrachter ein Mythos (Burnett, 2004, p. 13). „However, since I consider viewing to be an intensely creative act, it is likely, if not desirable, that what I see is not what someone else will see (Burnett, 2004, p. 15). So gesehen, ist jeder ein Künstler.

Grau hingegen sieht eine neue Art von Künstler entstehen. Ein Künstler, der nicht nur die neuste Technik nutzt, sondern selbst den technischen Fortschritt vorantreibt (Grau, 2003, p. 304). Ich glaube, Künstler haben sich neuste Technik schon immer zu Nutzen gemacht. Und die Technik beeinflusste ihre Werke. Der Wechsel von riesigen Swingorchestren zu kleinen Bebop-Combos wäre ohne verbesserte Mikrofontechnik nicht möglich gewesen. Rockmusik wäre ohne die Erfindung der E-Gitarre nicht denkbar und wie hätte psychedelischer und progressiver Rock Ende der Sechziger entstehen können, ohne den Fortschritt in der Studiotechnik und die Erfindung des Synthesizers? Aber ich glaube auch, dass Künstler immer die Weiterentwicklung ihrer Werkzeuge betrieben haben. Les Paul hat ja nicht nur wesentliche Verbesserungen an der E-Gitarre zu verantworten, er ist auch ein bemerkenswerter Musiker. Und selbst wenn die Künstler ihre Werkzeuge nicht selbst verbesserten, so stießen sie doch diesen Prozess an.

Grau ängstigt sich vor der Übernahme der Kunst durch die Maschinen. Simulationen werden von Künstlern/Programmieren aufgesetzt und dann sich selbst überlassen. Evolution verändert diese Welten ohne Zutun der Erschaffer. „Images are out of control, seemingly self-generating and changeable“ (Grau, 2003, p.345). Kurzweil, der wahre Prophet der künstlichen Intelligenz, sprach Maschinen schon 1999 das Recht zu, Künstler zu sein. Mittlerweile glaubt er bereits, dass die Maschinen den Menschen als Beherrscher dieser Welt ablösen werden (Kurzweil, 2005). Burnett wiederum glaubt nicht an intelligente Maschine. Er argumentiert, es wäre gar nicht klar, was Bewusstsein eigentlich sei. „The capacity to define and explain consciousness is largely dependent on hypothesis which is why there are so many conflicting explanations“ (Burnett, 2004, p. 129). er glaubt die angenommene Autonomie der Simulationen wäre illusionär, da auch die Simulationen eine eingebaute Grammatik besitzen (Burnett, 2004, p. 195).

Burnett schlägt vor, die Softwareentwicklung aus den Händen der Spezialisten zu befreien (Burnett, 2004, p. 100), da er glaubt, dass Interaktion nicht genügt. Der Eintauchende muss die Installation ändern können. er muss zum Autor werden. Wenn ich sehe, wie viel Stümperei im Web zu bestaunen ist – nicht funktionierende Webshops, nicht vorhandene Usability – schaudert es mich bei Burnetts Vorschlag. A fool with a tool is still a fool. Kein geistig gesunder Mensch würde vorschlagen Chirurgie aus den Händen der Spezialisten zu befreien. Was ist falsch daran, dass man das was man tut, vorher gelernt hat?

Aber Burnett sieht die Notwendigkeit zu einer neuen Definition des Begriffs „Autorenschaft“ zu gelangen. Er sagt „data on home computers is no longer private“ (Burnett, 2004, p. 148). Er glaubt an eine globale Verbreitung von Wissen. Wissen kann nicht mehr von einer Elite kontrolliert, manipuliert oder unterdrückt werden. Für ihn ist das eine positive, weil demokratische Entwicklung.

Grau hingegen sieht die Verschmelzung von Kunst und Wissenschaft. Er sieht Künstler sogar transgene Lebensformen erfinden und in Umlauf bringen. Das ist für mich pure Sciencefiction. Selbst wenn der Prozess der Erzeugung neuer transgener Lebensformen einfacher und für jeden handhabbar wäre, würden Gesetze und staatliche Verfolgung einen solchen Künstler in den kriminellen Untergrund zwingen.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich nicht glaube, dass die Möglichkeit in virtuelle Welten eintauchen zu können, die ganze Erdbevölkerung in Künstler verwandeln wird. Die meisten Besucher dieser virtuellen Welten wollen passiv bleiben. Sie suchen nach Unterhaltung und neuen Eindrücken, aber haben keine Lust etwas Eigenes zu kreieren. Zumindest nichts, was außerhalb ihres Kopfes existiert könnte. Im Sinne Kants ist Wahrnehmung natürlich immer Erschaffen. In diesem Sinne, und nur in diesem Sinne, sind alle Menschen Künstler. Aber was hat das für einen Nutzen, solange sie ihre Eindrücke nicht an die Außenwelt kommunizieren? Solange sind sie nicht mehr Künstler als Schafe es sind.

References

Burnett, R. (2004) How Images Think; Cambridge (MA) : MIT Press

Grau, O. (2003) Virtual Art – From Illusion to Immersion; Cambridge (MA) : MIT Press

Kurzweil, R. (1999) The Age of Spiritual Machines New York City: Viking Press

Kurzweil, R. (2005) The Singularity Is Near New York City: Viking Press


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